Nachtrag zum Elterndiskussionsabend am 28. Oktober 08 zum Thema „Grenzen in der Erziehung“

Die Erziehung unserer Kinder sellt uns jeden Tag aufs Neue vor große Herausforderungen.
Dabei ist es nicht immer einfach, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wir möchten unsere Aufgabe so gut wie möglich machen, möchten unseren Kindern den Weg zum Erwachsenwerden zeigen und ebnen und sie zu Menschen erziehen, die sich später im Leben alleine zurechtfinden können.

„Kinder werden nicht erst zu Menschen – sie sind schon welche! Ja! Sie sind Menschen, keine Puppen. Man kann ihren Verstand ansprechen – sie antworten uns; sprechen wir zu ihrem Herzen, fühlen sie uns. Kinder sind Menschen, in ihren Seelen sind Ansätze all der Gedanken und Gefühle, die wir besitzen. Also gilt es, diese Ansätze zu entwickeln, ihr Wachstum behutsam zu lenken.“ (Janusz Korczak)

Ein langer Weg, der vor uns liegt und der uns manchmal an unsere Grenzen zu bringen scheint.

Und das ist die Kernfrage unseres Themas: Wie können Kinder und Jugendiche stark und
eigen-sinnig werden, damit sie in einer Welt, die zunehmend komplexer, verwirrender, unlesbarer geworden ist, nicht nur gut überleben, sondern damit sie die Chancen und Freiheiten auch nutzen und ihre Lebensziele erreichen können?

Erschwerend kommt hinzu, dass wir Erwachsenen das „Jung-Sein“ als Kultur, als Objekt der Begierde entdeckt haben. Wir wollen anders sein als unsere Eltern, die sich noch über lange Haare aufgeregt haben, wollen „in“ und „cool“ sein und wir übernehmen „Klamotten“, Sprache, Aussehen, Protestformen. Wir nehmen Jugendlichen ihre eigen-sinnigen Systeme, Symbole und Zeichen und vermarkten sie, nehmen ihnen ihre Einmaligkeit und die Besonderheit dieses Lebensabschnitts und zwingen sie so, sich anders, massiver von uns abzugrenzen.

Erziehung, Wertevermittlung und somit auch das Setzen von Grenzen erfordert vor allem Klarheit und Standfestigkeit der Eltern. Gerade aus der Verunsicherung darüber, was richtig ist und was nicht, erleben wir heute oft eine große Hilflosigkeit vieler Eltern. Aus Angst davor, die Liebe ihrer Kinder zu verlieren, im Konkurrenzkampf mit anderen Eltern (Spielzeug, Taschengeld) oder aus eigener leidvoller Erfahrung mit rigiden unsinnigen und nicht angemessenen Grenzen verlieren Eltern oft die nötige Klarheit und vermeiden Grenzen da, wo sie angebracht sind.
Und es erfordert die Bereitschaft, sich auch mal unbeliebt zu machen und die Wut und den Ärger der Kinder auszuhalten.

Klassische Fallen in der Erziehung:

Es gibt eine Reihe typischer Verhaltensweisen, die genau nicht das bewirken, was sie bewirken sollen, sondern eher dazu führen, dass Kinder nicht zuhören, ihre Erzieher nicht erst nehmen, nicht gehorchen…

1. Fagen, bitten, betteln

  • „Meinst du nicht auch, dass du genug Süßigkeiten gegessen hast?“
    „Hast du denn immer noch nicht genug ferngesehen?“
    „Findest du nicht, dass Kinder in deinem Alter um diese Uhrzeit ins Bett müssen?“

Die Kinder erhalten mit diesen Fragen keine klare Aussage. Die eigentliche Botschaft liegt im Verborgenen – es wird erwartet, dass sie zwischen den Zeilen lesen.
Hilfreicher und Erfolg versprechender ist eine klare Botschaft:

  • „Ich möchte, dass du aufhörst, zu naschen. Du hast genug Süßes gegessen.“
    „Stell bitte den Fernseher aus!“
    „Es ist spät genug. Ich möchte, dass du jetzt ins Bett gehst!“

2. Aufforderungen aus dem Hintergrund

Kommen Aufforderungen aus dem Hintergrund (aus einem anderen Raum, ohne Blickkontakt) während die Kinder mit etwas beschäftigt sind (spielen, fernsehen, basteln…) ist für die Kinder der Ernst der Aufforderung meist nicht klar einschätzbar. Sie haben die verständliche Tendenz, unangenehme Dinge zu überhören und zu ignorieren.

Hilfreicher und Erfolg versprechender ist, Kontakt herzustellen:
zum Kind hingehen, auf Augenhöhe gehen, evtl. Körperkontakt herstellen und klar und eindeutig sagen, was es tun soll.

3. Zu schneller Kontaktabbruch

Aufforderungen von Erwachsenen an die Kinder erfolgen oft nur so auf die Schnelle im Vorbeigehen („Häng bitte deine Jacke auf!“)

Hilfreicher und Erfolg versprechender ist, zu warten, bis das Kind reagiert.

Auf das Beispiel bezogen heißt dies, dass der Erwachsene nach der Aufforderung: „Häng bitte deine Jacke auf!“ stehen bleibt und wartet, bis das Kind der Aufforderung nachkommt. Damit wird die Eindeutigkeit und Bedeutung der Aufforderung klarer, gleichzeitig bietet es die Gelegenheit, angemessen zu reagieren, d.h. zu loben, wenn das Kind der Aufforderung nachkommt oder die Aufforderung zu wiederholen, wenn das Kind nicht reagiert.

4. Verbote statt Anweisungen/ Erwartungen

  • „Hört auf zu streiten!“
    „Hample nicht so rum!“
  • „Schmier nicht so!“

Durch diese Art der Anweisung wird die Aufmerksamkeit auf die negative Seite der Verhaltens gelenkt. Den Kindern wird so zwar mitgeteilt, was sie nicht tun sollen, was unangemessen ist, was stört, aber sie bekommen durch diese Form noch keine klaren Hinweise, was denn von ihnen erwartet wird.

Hilfreicher und Erfolg versprechender ist, positiv formulierte klare Erwartungen zu äußern.

  • „Überlegt euch, wie ihr das regelt!“
    „Setz dich bitte hin!“
    „Iss bitte mit dem Löffel, statt mit den Händen!“

Die Kinder bekommen einen klaren Hinweis, was von ihnen erwartet wird.

5. Anordnungen ohne Vorwarnungen

  • „Auf der Stelle hörst du auf!“
    „Sofort kommst du her!“

Wenn sich Kinder intensiv mit Dingen beschäftigen, werden sie durch diese Art der plötzlichen Aufforderung aus ihrem Tun gerissen. Sie haben keine Gelegenheit, sich auf eine neue Situation einzustellen.

Hilfreicher und Erfolg versprechender ist, Vorlaufzeiten einzuplanen.

  • „In 5 Min. essen wir. Bitte kommt mit euerem Spiel zum Ende.“
    „In 10 Min. müssen wir los.“
    „Wenn du zu Ende gespielt hast, fang nichts Neues an, wir müssen gleich zum Arzt.“

6. Warum-Fragen

  • „Warum hast du deine Schwester geärgert?“
    „Warum hast du mich belogen?“

Warum-Fragen dienen nicht tatsächlich der Ursachenforschung und die Kinder finden in den seltensten Fällen eine befriedigende Antwort darauf. Warum-Fragen drücken unseren Ärger und unsere Hilflosigkeit aus.

Hilfreicher und Erfolg versprechender ist, nach Lösungen zu suchen.

  • „Was könnt ihr tun, damit ihr besser miteinander zurechtkommt?“
    „Hast du eine Idee, wie du das Problem lösen kannst?“

Die Kinder geraten nicht in die Defensive, sondern werden unterstützt bei dem Versuch, Probleme zu lösen, statt sie zu ergründen. Sie werden gestärkt in ihrem Kommunikationsverhalten.

7. Androhung von unrealistischen Strafen

  • „Wenn du deine Sachen nicht aufräumst, werfe ich sie in den Müll!“
    „Wenn du nicht aufisst, bekommst du nichts mehr zu essen!“
    „Wenn du nicht pünktlich nach Hause kommst, nehmen wir dich nicht mit in den Urlaub.“

Duch solche Drohungen werden Kinder entweder verängstigt und verunsichert oder sie durchschauen, dass es sich hierbei um leere und damit wirkungslose Drohungen handelt.

Hilfreicher und Erfolg versprechender ist, realistische und angemessene Konsequenzen aufzuzeigen.

„Wenn du deine Sachen nicht aufräumst, kannst du heute nachmittag keinen Besuch bekommen, da ihr keinen Platz zum Spielen habt.“
„Wenn du keinen Hunger mehr hast, brauchst du nicht aufessen. Du bekommst allerdings auch keinen Nachtisch mehr.“
„Wenn du nicht pünktlich nach Hause kommst machen wir uns Sorgen, wo du bist. Du musst dann am nächsten Tag zu Hause bleiben.“
Ein vernünftiges Zusammenleben ist ohne gegenseitige Rücksichtnahme und ohne Regeln praktisch nicht möglich. Jeder Mensch, egal ob groß oder klein, hat Bedürfnisse und möchte diese befriedigt wissen. Dass dies nicht immer sofort möglich ist, müssen Kinder erst lernen.

Was können wir tun, um dieses Lernen zu fördern?

1. Das Gute beim Namen nennen

Lob bildet den Grundstein für ein gesundes Selbstvertrauen.

 Sagen Sie Ihrem Kind, was Sie an Ihm gut finden!
 „Dein Bild ist toll geworden!“
 „Du hast dein Zimmer sehr schön aufgeräumt!“

 Sagen Sie Ihrem Kind ganz genau, was Sie mögen!
 „Dein Bild gefällt mir wirklich gut. Wie schön du die Farbein ausgewählt hast. Besonders gut finde ich den Himmel!“

 Lassen Sie das Gute stehen!
 Wie oft kommt es vor, dass wir unsere Kinder loben und ermutigen, aber mit einem kleinen Nachsatz alles wieder zunichte machen!
 „Diese Reihe hast du aber wirklich schön geschrieben. Aber der Rest ist ja ein fürchterliches Geschmier!“

2. Aufstellen von Regeln

Klare Regeln, die für alle Gültigkeit haben, erleichtern das Zusammenleben und ersparen überflüssige und immer wieder aufkommende Auseinandersetzungen.

 Beim Essen bleibt der Fernseher aus!
 Straßenschuhe werden vor der Wohnungstür ausgezogen!
 Jeder räumt sein dreckiges Geschirr in die Spülmaschine!

3. Strafen und logische Konsequenzen

Je klarer ein Zusammenhang zu erkennen ist zwischen dem unerwünschten Verhalten des Kindes und den Konsequenzen – desto besser. Das Kind bekommt die Geegenheit, aus den Folgen seines eigenen Verhaltens zu lernen: Es wird „aus Schaden klug“. Es lernt, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Konsequenzen, die wirksam sein sollen,
 haben möglichst einen Sinnzusammenhang mit dem Vergehen,
 erfolgen möglichst unmittelbar im Anschluss und nicht irgendwann,
 sind für das Kind berechenbar,
 sind vorher abgesprochen,
 sind dem Vergehen angemessen,
 richten sich nicht gegen das Kind, sondern gegen sein Tun,
 kommen nie ohne Vorwarnung.

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